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Von: Stefan.Siewert

Ein andere Interpretation ist auch möglich
Eine andere Interpretation dieser komplexen Vorgänge ist das Ende eines Wachstumszyklus, der nicht auf dem Radar der Wirtschaftswissenschaften ist, weil er sich über historische Zeiträume erschließt. In diesem Fall wäre es eine ausklingende Wachstumswelle, ein Leontieff-Winder, den man gestalten, aber wenig direkt beeinflussen kann. In der Tat besteht eine Reihe von Analogien zum Beginn des 20. Jahrhunderts: Peak Trade, Rückgang der Beschäftigten in der Industrie (damals: Landwirtschaft), negative Kreditzinsen, zunehmender Protektionismus, Unwirksamkeit monetärer Faktoren, allgemeiner Wachstumsrückgang in den entwickelten Staaten, politische Fragmentierung und zunehmende Unwirksamkeit der wirtschaftspolitischen Rezepte. Der „Gewinner-nimmt-alles-Märkte“ wurden von einzelnen Episoden zu einem überspannenden Phänomen, der ein Hinweis auf die allgemeine Unsicherheit und der breite Rückgang der Investitionstätigkeit ist.
Europa hat noch nicht wieder die Wirtschaftsleistung vom Vorabend der globalen Finanzkrise 2008 erreicht, ein Hinweis auf eine strukturelle Transformation, die mit dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft vergleichbar ist.

Oft wird mit dem Ende des zweiten Weltkriegs von der Stunde Null gesprochen, vielleicht war es aber nur die Goldene Ära eines größeren Zyklus, bei dem Strukturen im Großen und Ganzen mit dem Wachstumserfordernissen übereinstimmten (wenn man vom Damokleschwert des Kalten Krieg abstrahiert).

Was würde aus einer solchen Sichtweise folgen? Vor uns stehen erhebliche Veränderungen, die das Selbstverständnis unseres Handelns und den Zusammenhalt der Gesellschaft betreffen, ähnlich wie vor 100 Jahren. Zwar ist es unklar, welche der gegenwärtigen politischen Strömungen die Oberhand gewinnt – oder welche neuen Impulse noch erforderlich sind – , aber es ist offensichtlich auch klar, dass weiteres Wachstum mit den Treibern und Erfolgsfaktoren nicht weitergehen muss und die vielen Faktoren eine kritischen Punkt des Übergangs zu einem neuen System erreichen können. Die Pragmatik in der Politik ist genauso ein Hinweis wie fehlende oder äußerst geringe Reallohnzuwächse (vergleichbar zur Mitte des 19. Jahrhunderts), das Ende der dritten Demokratisierungswende und vieles mehr. Vielleicht werden wir ja in der Zukunft einen roten Faden und den Zusammenhang im Puzzle sehen, der uns gegenwärtig noch nicht vergönnt ist.


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